Polysymptomatische Erkrankung
Patienten mit Long-COVID weisen multisystemische Beschwerden auf, sagte Dr. Gogoll, der auch Autor der S1-Leitlinie zum Long-COVID-Syndrom ist. Die Erkrankung tritt nach symptomatischer, aber auch nach oligosymptomatischer Erkrankung auf. „Die Beschwerden können vielfältig sein, es werden gut 200 Symptome beschrieben“, sagte Gogoll. Man spricht von Long COVID, wenn sie länger als drei Monate nach der ursprünglichen Infektion bestehen. Die Erkrankung beginnt häufig schon mit der Infektion, gelegentlich aber auch mit deutlich zeitlichem Versatz. Dabei können die Beschwerden ausklingend sein oder ondulieren (zunächst Genesung, dann immer wieder Beschwerden). Auch ist beschrieben, dass wechselnde Organsysteme betroffen sein können. „Was wir in der Praxis sehen, ist wahrscheinlich nur die Spitze des Eisbergs“, so Gogoll.
Biologische, psychologische und soziale Faktoren
Gogoll spricht von einer „Illness without a Disease“. Denn viele Patienten sind schwer krank, in ihrer Teilhabe erheblich eingeschränkt, bettlägerig oder hausgebunden. Objektivierbare Befunde wie Biomarker, Röntgen- und MRT-Befunde fehlen häufig, dennoch, so Gogoll, gibt es eine „verborgene Befundvielfalt“ mit hochpathologischen Ergebnissen. Immer wieder taucht die Frage auf, ob es sich bei Long-COVID um eine funktionell-somatische Erkrankung oder eine psychosomatische Erkrankung handelt. So liefert eine 2025 erschienene Studie ein biopsychosoziales Erklärungsmodell, das auf die Angst der Patienten fokussiert.1
Gogoll betont, dass bei Long-COVID drei Aspekte zusammenwirken:
- Biologisch: Viruspersistenz, Autoimmunität, Neuroinflammation, endotheliale Dysfunktion
- Psychologisch: Krankheitsverarbeitung, Angst-Vermeidungs-Verhalten, komorbide Angst/Depression
- Sozial: Verlust von Teilhabe am Arbeitsleben, Isolation, Stigmatisierung im sozialen und medizinischen Umfeld
Die pathologischen Befunde sind vielfältig. Bei einigen Patienten ist die Small-Fiber-Neuropathie zu finden, immunologisch finden sich viele Befunde (etwa bei Patienten mit Fatigue und bei Patienten mit Schlafbeschwerden LC-Monozyten CD56+/CD14+). Andere Betroffene weisen Zytokinprofile mit anhaltender Inflammation auf. Bei einem Teil der Erkrankten ist in der PET-MRT eine Hypoperfusion nachweisbar, vaskulär finden sich Mikrozirkulationsstörungen, z. B. Gasaustauschstörungen in der Lunge. Beobachtet wird auch, dass Alterungsprozesse an den Gefäßen verstärkt werden.
Noch immer keine validierten Diagnosemarker
Stand April 2026 gibt es für Long-COVID keinen validierten Diagnosemarker, erinnerte Prof. Dr. Carmen Scheibenbogen, Stellvertretende Leiterin des Instituts für Medizinische Immunologie, Leiterin des Arbeitsbereichs Immundefekte und Postinfektiöse Erkrankungen, Charité Berlin. Wie das Post-Lyme-Syndrom oder das Post-Polio-Syndrom gehört das Long-COVID-Syndrom zu den postakut-infektiösen Syndromen (PAIS). Inzwischen gilt SARS-CoV-2 als häufigster Auslöser von ME/CFS, das die schwerste Form von Long-COVID darstellt.
„Long-COVID ist wahrscheinlich das Krankheitsbild, das mit den meisten Symptomen einhergeht. Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass SARS-CoV-2 den Körper so breit infizieren kann, nahezu alle Zellen können infiziert werden“, betonte Prof. Scheibenbogen. Das Risiko von Long-COVID steigt mit jeder SARS-CoV-2-Infektion. Zu den häufigsten Symptomen zählen Fatigue, Belastungsintoleranz, Schmerzen, Atembeschwerden und kognitive Störungen.
WHO, CDC, NICE und NASEM liefern unterschiedliche Kriterien für das Long-COVID-Syndrom, die wichtigsten sind:
- Beschränkung auf ungeklärte Symptome/Syndrome oder einschließlich medizinischer Diagnosen (z. B. Thrombose, Schlaganfall)
- Auftreten: ein bis drei Monate nach einer COVID-19-Infektion
- Beeinträchtigung der täglichen Aktivitäten
Scheibenbogen gibt folgende Empfehlungen für die Diagnostik:
- Laborwerte: Diff. Blutbild, Leberwerte, Kreatinin, Elektrolyte, HbA1c, TSH, CrP, Ferritin, Folsäure, Vitamin D, Urinstix
- Bei Fatigue und Belastungsintoleranz: EKG, Echokardiographie, Lufu, Handkraft
- Bei einer Zunahme der Symptome nach Alltagsaktivität: Screening auf ME/CFS mittels IOM-oder CCC-Kriterien.
- Bei lageabhängigem Schwindel/Zunahme der Symptome im Stehen: passiver Stehtest
- Tachykardie: EKG und Langzeit-EKG, gegebenenfalls Echokardiographie, Kardiologie
- Dyspnoe: Lungenfunktion
- Husten > 4 Wochen: gegebenenfalls zusätzlich Röntgen/CT Thorax
Es handelt sich um eine Ausschlussdiagnostik, betonte Scheibenbogen. Red Flags sind ausgeprägte kognitive Einschränkungen oder sehr starke, anhaltende Kopfschmerzen. Auch Arthralgien sind häufig, dicke Gelenke hingegen nicht. Die Handkraftmessung korreliert mit der Krankheitsschwere.
Therapie: Post-Exertionelle Malaise (PEM) ausschließen
Die Therapie bei Long-COVID sollte symptomorientiert und biopsychosozial erfolgen. Infrage kommen Analgetika, interdisziplinäre Schmerztherapie, Low Dose Naltrexon, adaptierte Bewegungstherapie (nach PEM-Ausschluss). Vier Wirkstoffe werden im Off Label Use verordnungsfähig durch den G-BA:
- Ivabradin – LC POTS
- Agomelatin – ME/CFS und LC Fatigue
- Vortioxetin – LC Kognition
- Metformin – Prävention LC bei BMI >25
Unterstützendes Selbstmanagement:
- Pacing bei Belastungsintoleranz
- Entspannungstechniken
- Atemtherapie
- Kreislaufunterstützung
Gogoll betonte, dass es wichtig sei, eine PEM auszuschließen, weil manche Maßnahmen eine PEM verschlechtern. Patienten mit PEM kommen aus einer Anstrengung – das kann ein Arztbesuch sein – nur wieder heraus, wenn sie sich ausruhen, sonst folgt ein Crash oder eine Post-Exertional Symptom Exazerbation. Sobald die Patienten PEM aufweisen – Pacing! Ein Crash bedeutet: Im abgedunkelten Raum mit Noise Cancelling Kopfhörern und mit Schlafbrille liegen, bis der Crash vorüber ist. Doch nicht immer geht ein solcher Crash vorüber. Es ist zudem nicht bekannt, wie viele Patienten von diesem schweren Verlauf betroffen sind.
Gogoll warb dafür, dem Reduktionismus „Soma versus Psyche“ ein Ende zu setzen. Eine Zusammenführung nach dem Vorbild der Psychokardiologie hält er für sinnvoll. Patienten mit Long-COVID müssten ernst genommen und interdisziplinär versorgt werden. Für wünschenswert hält der Experte die Aufnahme der Erkrankung in die curriculäre Weiterbildung. Die S2k-LL Long-COVID ist derzeit in der Konsentierung.
132. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), 18. bis 21. April 2026, RheinMain CongressCenter Wiesbaden. https://kongress.dgim.de/. Long Covid 3 years after – eine Standortbestimmung. 18. April 2026.
- Studie: https://www.psychotherapeutenjournal.de/2025/2/ptj202502.001