Stigma Übergewicht schlägt aufs Herz

Implizite Vorurteile gegenüber adipösen Patienten treiben CRP, Blutdruck und Mortalität nach oben. Wie lassen sich Stigmata abbauen, Inkretin-Therapien langfristig steuern und das neue EASO-Rahmenkonzept ohne starre BMI-Grenzen praxisnah umsetzen?

Wenn Vorurteile krank machen

Vorurteile gegenüber übergewichtigen Menschen und die daraus resultierende Stigmatisierung sind ein oft übersehener Faktor für das Herz-Kreislauf-Risiko dieser Patienten.

Der adipöse Patient wird häufig als „unmotiviert“ eingeschätzt, ihnen werden eine mangelnde Selbstbeherrschung und zu wenig Willenskraft zugeschrieben, angenommen wird auch eine schlechte Selbstorganisation und/oder eine geringe Therapietreue, berichtete, Dr. O'Connell vom St Columcille's Hospital in Dublin. Implizite Vorurteile gegenüber Menschen mit Übergewicht zeigen sich in:

  • weniger Zeit in den Konsultationen
  • geringere Wahrscheinlichkeit, eine angemessene Behandlung zu verordnen
  • geringere Wahrscheinlichkeit, eine angemessene Behandlung einzuleiten
  • höhere Wahrscheinlichkeit, alle Symptome auf das Gewicht zurückzuführen

Dabei entspricht das Ausmaß an expliziten und impliziten Vorurteilen gegenüber Übergewicht bei Ärzten demjenigen in der Allgemeinbevölkerung. Ärzte wurden von 62–69 % der Patienten als Quelle von Stigmatisierung aufgrund des Gewichts genannt, berichtete O´Connell. Vorurteile und Stigma wirken sich sowohl auf die psychische und körperliche Gesundheit als auch auf das Gesundheitsverhalten von Menschen mit Adipositas aus. Das zeigt sich häufig wie folgt:

Psychisch:

·       Gefühle der Wertlosigkeit

  • Einsamkeit, soziale Ausgrenzung
  • geringes Selbstwertgefühl
  • Depression, Angstzustände
  • negatives Körperbild
  • Selbstmordgedanken und -handlungen

Körperlich:

  • Cortisol, CRP, HbA1c, Blutdruck steigen
  • Risiko für den Tod jeglicher Ursache nimmt zu
  • Risiko für Adipositas und Diabetes steigt

Auswirkungen zeigen sich auch auf das Gesundheitsverhalten des Patienten:

  • steigende Kalorienaufnahme und mehr Essanfälle
  • Fehlanpassung bei der Gewichtskontrolle
  • weniger effektives Selbstmanagement
  • Vermeidung körperlicher Aktivität
  • Substanzmittelkonsum
  • Vermeidung von Arztterminen, Vorsorgeuntersuchungen

All das führt zu einer weiteren Gewichtszunahme und erhöht das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen oder kann eine bereits vorliegende Erkrankung verstärken, betonte O´Connell.

Leitlinien zur Erkennung und Bekämpfung von Stigmatisierung

Die Obesity Association der American Diabetes Association (ADA) hat Leitlinien zur Erkennung und Bekämpfung von Gewichts-Vorurteilen und Stigmatisierung entwickelt.1 Alle Fachpersonen und Mitarbeiter im Gesundheitswesen sollten Schulungen zu Vorurteilen und Stigmatisierung aufgrund des Gewichts erhalten, um die Versorgung von Menschen mit Adipositas zu verbessern. Die Schulungen sollten frühzeitig beginnen und sich über die gesamte medizinische Ausbildung und Praxis erstrecken. Die Autoren werben für mehrkomponentige Schulungen, die theoretische Ausbildung mit praktischem Lernen verbinden, um explizite und implizite Vorurteile aufgrund des Gewichts zu verringern.

O´Connell empfahl, die eigenen Annahmen und Überzeugungen über Gewicht und Adipositas zu hinterfragen und ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass Adipositas eine komplexe Ätiologie aufweist. Für notwendig hält die Expertin auch ein Versorgungsprogramm nach dem Modell chronischer Erkrankungen. Sie erinnerte zudem daran, dass Worte die Kraft haben zu heilen – aber auch zu verletzen. Eine kooperative, personenzentrierte, wertschätzende Kommunikation sei deshalb unabdingbar.

Update Rahmenkonzept pharmakologische Therapie der Adipositas

Neuerungen des Rahmenkonzepts der European Association for the Study of Obesity (EASO) zur pharmakologischen Behandlung von Adipositas stellte Dr. Ciudin vom University Hospital Vall d'Hebron – Barcelona, Spanien vor. Das Update baut auf dem 2024 eingeführten diagnostischen EASO-Rahmenkonzept auf, das Adipositas als chronische Erkrankung definiert.

Die im Mai 2026 veröffentlichte Version 2.0 liefert nun den praktischen pharmakologischen Fahrplan dazu.2 Das Update löst die starre Orientierung am BMI und rückt die individualisierte, komplikationsbezogene Therapie in den Fokus. Dabei bleibt die ursprüngliche Struktur erhalten, berichtete Ciudin. Der aktualisierte Leitfaden basiert auf einer umfassenden Metaanalyse von 62 randomisierten, kontrollierten Studien (RCTs) mit Daten, die bis Ende November 2025 ausgewertet wurden.

Wie Ciudin betonte, werden Medikamente nun nicht mehr rein zur Gewichtsreduktion eingesetzt. Die Hierarchie der Gewichtsabnahme ist klarer, wobei Tirzepatid weiterhin vor Semaglutid rangiert. Die Behandlung wird danach ausgerichtet, ob bereits Organfehlfunktionen vorliegen, um gezielt Krankheitsfolgen wie Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Schlafapnoe zu bekämpfen bzw. zu verhindern. Die größte inhaltliche Neuerung betrifft den Bereich der Lebererkrankungen. Der Algorithmus bezieht Studienergebnisse zur Rückbildung der metabolisch assoziierten Steatohepatitis (MASH) und zur Verbesserung von Leberfibrose mit ein.

Der aktualisierte Algorithmus kann ergänzend zu bestehenden Leitlinien genutzt werden. Er ist allerdings nicht selbst als klinische Leitlinie gedacht und schreibt keine festgelegte Behandlungsabfolge vor. Stattdessen bietet er einen strukturierten Überblick über die Erkenntnisse zu Gewichtsabnahme und adipositasbedingten Komplikationen.

Abnehmen ist der einfache Teil

Dass Abnehmen der einfache Teil ist und die Herausforderung darin liegt, das Gewicht zu halten, betonte Dr. Merkely vom Semmelweis University Heart and Vascular Center in Budapest, Ungarn. Merkely erinnerte daran, dass auf eine Gewichtsabnahme durch eine Lebensstilintervention oder eine bariatrische Operation eine erhebliche langfristige Gewichtszunahme folgt.

Im Gegensatz dazu zeigten Inkretin-basierte Therapien keine Gewichtszunahme während der Therapie – die Wirksamkeit hält bei Semaglutid bis zu 2 Jahre und bei Tirzepatid bis zu 3 Jahre an. Nach Absetzen der medikamentösen Therapie allerdings kommt es zu einer raschen und erheblichen Gewichtszunahme. „Daten aus der Praxis sind nach wie vor begrenzt, doch die vorliegenden Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die Abbruchraten weit über denen aus klinischen Studien liegen – sie erreichen nach einem Jahr bis zu 50 %“, berichtete Merkely.

Zukünftige Forschungsarbeiten sollten sich auf die Optimierung von Kombinationsstrategien (etwa niedrig dosierte Inkretin-basierte Therapie nach einer bariatrischen Operation) konzentrieren und darauf, Hindernisse für eine langfristige Compliance bei der Inkretin-basierten Therapie abzubauen.

Quellen

ESC Congress 2026. 28.-31. August 2026. https://www.escardio.org/events/congresses/esc-congress/. Obesity management and its impact on cardiovascular disease. 28. August, 16.15 Uhr, 2026. https://esc365.escardio.org/esc-congress/sessions/18545-obesity-management-and-its-impact-on-cardiovascular-disease.

1. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40379436/

2.https://www.nature.com/articles/s41591-026-04397-4