Im Rahmen der CHALLENGE-Studie wurden 889 Patienten mit reseziertem Kolonkarzinom im Stadium III oder Hochrisiko-Stadium II nach abgeschlossener adjuvanter Chemotherapie randomisiert: 444 Patienten erhielten Informationsmaterial zu Ernährung und Bewegung, 445 zusätzlich ein dreijähriges strukturiertes Trainingsprogramm.
Ziel war eine Steigerung der aeroben Aktivität um mindestens 10 MET-Stunden pro Woche gegenüber dem Ausgangswert. Für viele Teilnehmer bedeutete dies etwa 45 bis 60 Minuten zügiges Gehen an drei bis vier Tagen pro Woche. Es ging also nicht um Hochleistungssport, zudem war die Sportart nicht vorgegeben, nur das Aktivitätsvolumen (Teilnehmer wählten bspw. Langlauf, Radfahren, Schwimmen).
Der entscheidende Unterschied zur Kontrollgruppe war die professionelle Begleitung. In den ersten sechs Monaten fanden alle zwei Wochen individuelle Termine mit einem qualifizierten Bewegungsexperten (je nach Land und Zentrum waren das Physiotherapeuten, Personal Trainer o. ä.) statt. Dabei wurden Ziele definiert, Motivation gefördert und Hindernisse identifiziert; hinzu kam jeweils eine betreute Trainingseinheit. Später wurden die Kontakte reduziert, in den Jahren zwei und drei waren es nur noch monatliche Termine.
Die Adhärenz blieb bemerkenswert hoch: 83 % in den ersten sechs Monaten, 68 % im zweiten Halbjahr und noch 63 % während der Jahre zwei und drei. Gleichzeitig verbesserten sich körperliche Aktivität, VO₂max, 6-Minuten-Gehtest und die selbstberichtete körperliche Belastbarkeit.
Krankheitsfreies Überleben signifikant verlängert
Der primäre Endpunkt wurde deutlich erreicht. Das Risiko für Rezidiv, neuen Primärtumor oder Tod sank um 28 % (Hazard Ratio HR 0,72). Nach fünf Jahren waren 80,3 % der Patienten im Bewegungsarm krankheitsfrei gegenüber 73,9 % in der Kontrollgruppe. Das ist ein absoluter Unterschied von 6,4 Prozentpunkten im krankheitsfreien Überleben (DFS). Die Number Needed to Treat lag damit bei ungefähr 16.
Beachtlich war auch der Unterschied im Gesamtüberleben: Das Sterberisiko war um 37 % reduziert (HR 0,63). Nach acht Jahren lebten noch 90,3 % der Patienten aus der Bewegungsgruppe gegenüber 83,2 % der Kontrollen. Der absolute Überlebensvorteil betrug damit 7,1 Prozentpunkte.2
Diese Größenordnung kann den Effekten etablierter adjuvanter Arzneimittel bei Lungen-, Brust- und Kolonkarzinomen gegenübergestellt werden, so Booth. Seine Botschaft: Bewegung spielt hier nicht in einer therapeutischen Nebenliga. Der beobachtete Nutzen erreicht oder übertrifft teilweise Größenordnungen, die bei medikamentösen Innovationen als klinisch bedeutsam gelten.
Dem standen überschaubare Nebenwirkungen gegenüber. Muskuloskelettale Beschwerden traten bei 18,5 % unter dem Bewegungsprogramm und bei 11,5 % in der Kontrollgruppe auf. Booth bezeichnete dies augenzwinkernd als erwartbare „On-target-Toxizität“ der Intervention.
Wenn Sport ein Medikament wäre, würden wir für diese Wirksamkeit etwas ausgeben
Booth sprach von einer „sehr ungewöhnlichen Situation im Gesundheitswesen“: Die Intervention verbessert das Gesamtüberleben und senkt zugleich die Kosten, so die zugehörige gesundheitsökonomische Analyse.3 Das dreijährige Programm kostet ungefähr 3.000 kanadische Dollar pro Patient (in erster Linie das Honorar für den Bewegungsexperten). Über fünf Jahre lagen die gesamten Gesundheitskosten trotz dieser Investition im Mittel sogar rund 1.600 kanadische Dollar niedriger, vor allem aufgrund geringerer Kosten für Rezidive und weitere Krebstherapien.
„Wenn dies tatsächlich ein intravenöses Medikament namens ‚Exercise-mAb‘ wäre, würde es nicht 3.000, sondern 300.000 Dollar kosten“, so Booth. Bei Medikamenten werden erhebliche Kosten und Toxizitäten für Effekte akzeptiert, die teilweise nicht größer sind als die von Bewegung. Eine Intervention mit einer HR von 0,63 für Tod und guter Verträglichkeit muss dagegen noch um reguläre Versorgungsstrukturen und Finanzierung kämpfen.
„Es reicht nicht, den Patienten zu sagen, sie sollen sich bewegen“
CHALLENGE zeigt zugleich, dass sich der Effekt nicht auf eine beiläufige Empfehlung im Arztgespräch reduzieren lässt. Auch die Kontrollgruppe erhielt Informationen über die Vorteile körperlicher Aktivität.
„Wir können den Menschen nicht einfach sagen, dass sie sich bewegen sollen – genau das war die Kontrollgruppe“, betonte Booth. Der wesentliche Bestandteil der Intervention war vielmehr die langfristige Unterstützung der Verhaltensänderung. Für die Versorgung bedeutet das: Mit dem Satz „Sie sollten mehr Sport treiben“ ist die Evidenz aus CHALLENGE nicht umgesetzt.
Leitlinie: Bewegungstraining wird Behandlungsempfehlung
Nach Publikation der CHALLENGE-Daten 2025 im New England Journal of Medicine hat die ESMO ihre Leitlinie zum lokalisierten Kolonkarzinom angepasst: Anfang 2026 wurde strukturiertes Bewegungstraining für Patienten mit reseziertem Stadium III oder Hochrisiko-Stadium II neu aufgenommen.4 Für Booth steht die Onkologie deshalb inzwischen an einem anderen Punkt: Die Evidenz ist vorhanden, der Überlebensvorteil gezeigt – nun müssen Versorgungsmodelle folgen. Denkbar sind Angebote an Krebszentren, die Einbindung bestehender Rehabilitationsprogramme, regionale Strukturen oder qualifizierte wohnortnahe Anbieter.
Nach diesen Daten lässt sich Bewegung beim resezierten Kolonkarzinom kaum noch ausschließlich unter „Lifestyle“ oder Supportivtherapie einordnen. Eine Intervention mit einem um 28 % geringeren Risiko für DFS-Ereignisse, einem um 37 % geringeren Sterberisiko und niedrigen Kosten verlangt vielmehr danach, als Bestandteil der onkologischen Behandlung auch tatsächlich verfügbar gemacht zu werden.
1. Booth, C. M. The role of exercise. Vortrag im Rahmen der Special Session „What oncologists should know about non-pharmaceutical interventions“, ESMO Congress 2026, 25. Oktober 2026. https://esmocongress.esmo.org/programme/session/93913.
2. Courneya, K. S. et al. Structured Exercise after Adjuvant Chemotherapy for Colon Cancer. New England Journal of Medicine 393, 13–25 (2025).
3. Chan, K. K. W. et al. Structured Exercise Program After Adjuvant Chemotherapy for Colon Cancer: A Cost-Utility Analysis of the CHALLENGE Trial. J Clin Oncol 44, 2130–2139 (2026).
4. Pentheroudakis, G. et al. ESMO Clinical Practice Guideline Express Update on the adoption of physical exercise in patients with localised colon cancer. ESMO Open 11, 106019 (2026).