- 30. Fortbildungswoche für praktische Dermatologie und Venerologie, 08.07.2026, München. Allergologie und Urtikaria. Allergene im Wandel der Zeit.
Die Klimaerwärmung begünstigt die Ausbreitung wärmeliebender Pflanzen. Prognosen gehen von einer weiteren Zunahme aus. Die Ambrosia hat bisher einen schwachen Pollenflug gezeigt.
Jedoch können schon geringe Pollenmengen Allergien auslösen. Die kleinen Pollen gelangen rasch in die Lunge und können frühzeitig Asthma verursachen. Das Hauptallergen, Amb a 1, weist eine Kreuzreaktivität mit Beifuß auf. Nur wenige Amb a 1-sensibilisierte Patienten entwickeln bislang saisonale Beschwerden. Aufgrund der Latenzzeit zwischen Sensibilisierung und Allergie sollte Ambrosia in die Pricktest-Diagnostik aufgenommen werden, plädierte Treutler.
Der Götterbaum blüht parallel zur Gräser-Saison. Eine Leipziger Studie mit Kindern und Erwachsenen, die eine allergische Rhinitis aufwiesen, zeigte bei 43 % eine Sensibilisierung gegen den Götterbaum. Da die meisten nicht auf kreuzreaktive Allergene sensibilisiert waren, ist eine eigenständige Sensibilisierung wahrscheinlich. Der Pollenflug ist nachgewiesen, jedoch fehlt eine routinemäßige Diagnostik. Damit ist der Götterbaum ein bislang unterschätztes Allergen.
Eine Studie untersuchte knapp 500 langjährige Bewohner und zeigte eine deutliche Sensibilisierung gegenüber Bermudagras. Aufgrund der hohen Kreuzreaktivität mit Phl p 1 (Lieschgras) lässt sich dieses Allergen gut diagnostizieren und behandeln.
Olivenbäume kommen zunehmend in Gärten und im öffentlichen Raum vor. In einer NRW-Kohorte zeigten 19 % eine Sensibilisierung gegenüber dem Hauptallergen des Olivenbaums, Ole e 1. Hierbei ist eine Kreuzreaktion mit Esche zu beachten. Ein Pollenmonitoring erfolgt derzeit noch nicht.
Die Rote Feuerameise wurde erstmals im Süden Europas nachgewiesen. Ob sie sich in den kommenden Jahren als invasive Art etabliert, bleibt abzuwarten. Die Hauptallergene sind bereits bekannt.
Die Asiatische Hornisse breitet sich in Deutschland von West nach Ost aus und ist vielerorts bereits etabliert. Sie ist ausgesprochen aggressiv und stellt vor allem für andere Insekten ein Problem dar. Für den Menschen ist sie besonders bei multiplen Stichen gefährlich und kann in besonders schlimmen Fällen zu Nierenversagen führen. Die Allergene sind bekannt, eine Routinebestimmung ist derzeit nicht verfügbar.
Klinisch bedeutsam ist, dass sowohl die Feuerameise als auch die Asiatische Hornisse eine hohe Kreuzreaktivität gegenüber Wespengiftallergenen aufweisen. Im Falle einer Anaphylaxie bestehen damit bereits Therapiemöglichkeiten.
Reaktionen auf den Eichenprozessionsspinner sind überwiegend irritativ. Allerdings sind auch allergische Reaktionen möglich. Typ-1-Hypersensitivitätsreaktionen bis hin zur Anaphylaxie wurden beschrieben. Das Hauptallergen wurde identifiziert. Nach vermehrtem Kontakt in Berlin im Jahr 2024 bleibt offen, ob dadurch häufigere Sensibilisierungen und allergische Reaktionen auftreten werden.
Mit der zunehmend veganen und vegetarischen Ernährung gewinnen Hülsenfrüchte wie Erdnuss, Soja, Lupine, Erbse, Linse und Kichererbse an Bedeutung. Sie sind potente und meist hitzestabile Allergene, die ein relevantes klinisches Problem darstellen können.
Sojaprodukte wie Tempeh und Natto, ein japanisches Gericht aus fermentierten Sojabohnen, sind dabei besonders zu beachten. Bei dem Gericht Natto könnte zusätzlich die Nattokinase eine Rolle spielen. Deswegen sollte man bei der Diagnose besonders achtsam sein. Bei vermeintlicher Sojareaktion nach dem Verzehr von Fleischersatzprodukten kann tatsächlich Weizengluten (Seitan) der Auslöser sein.
Die Lupine ist laut dem Register der dritthäufigste Auslöser einer Anaphylaxie. Lupinenmehl wird in zahlreichen Lebensmitteln als Streckmittel eingesetzt, etwa auch in Lupineneis. Ähnliches gilt für Erbsenmehl, das ebenfalls als Streckmittel in der Lebensmittelindustrie verwendet wird.
Daten aus dem Anaphylaxie-Register (2007–2024) zeigen, dass 23 % der lebensmittelinduzierten Reaktionen mit Cashew assoziiert waren. Bei Kindern ist die Cashewnuss besonders relevant, da sie hier häufiger zu schweren Reaktionen führen kann als bei Erwachsenen.
Jackfrucht wird in der veganen Ernährung als Fleischersatz verwendet, etwa für Bratlinge. Für Birkenpollen- und Latex-Sensibilisierte besteht das Risiko einer Kreuzreaktivität wie folgt:
Da das Bet v 1 thermolabil ist, verliert es an Relevanz bei erhitzten Speisen.
Granatapfel, Moringa, Goji-Beeren und Spirulina (Alge) werden von der Ernährungsindustrie häufig beworben und mit gesundheitsförderlichen Effekten in Verbindung gebracht. Allergische Reaktionen sind bislang nur in Einzelfällen aufgetreten. In der Anamnese sollte gezielt nach dem Konsum solcher Produkte gefragt werden, da viele Patienten „Natürliches“ für unbedenklich halten.
In Deutschland sind bislang vier Insektenarten zum Verzehr zugelassen: Mehlkäfer, Wanderheuschrecke, Hausgrille und Buffalowurm. Sie werden meist zu Mehl verarbeitet und als günstige Proteinquelle oder als Streck- und Zusatzmittel eingesetzt. Aufgrund der Kennzeichnungspflicht sind sie in Brot, Brötchen, Nudeln, Suppen, Pizza, Soßen, Süßwaren und Fertiggerichten deklariert.
Relevant ist die Kreuzreaktion auf Tropomyosin, das Hauptallergen der Hausstaubmilbe, welches auch bei Insekten vorkommt. In einer Laboranalyse an rund 650 Personen, die gegenüber Hausstaubmilben exponiert wurden (ALEX-Test), zeigte etwa ein Fünftel eine IgE-Sensibilisierung gegen mindestens ein essbares Insektenextrakt. Die klinische Relevanz ist noch unklar. Laufende Studien, unter anderem an der Berliner Kinderklinik, berichten von einer eher geringen Reaktivität.
Bei Schalen- und Krustentierallergie ergab eine orale Provokationstestung mit essbaren Insekten bei knapp 40 % der Probanden (kleine Gruppe, n = 16) eine positive Reaktion. Schwere Hausstaubmilbenallergiker sowie Patienten mit bekannter Krustentierallergie sollten beim Verzehr essbarer Insekten vorsichtig sein und ihr Notfallset bereithalten.
Trotz der Zulassung zum legalen Konsum in Deutschland wurden bislang nur wenige allergische Reaktionen beobachtet. Möglich sind Asthma, Kontakturtikaria und Anaphylaxie. Als Hauptallergen wurde das Lipid-Transfer-Protein (LTP) Can s 3 identifiziert. Eine Routinebestimmung ist jedoch nicht verfügbar.
Von besonderem Interesse ist eine klinische Beobachtung: Es werden zunehmend Patienten mit LTP-Syndrom gesehen, die anaphylaktisch auf Beeren oder andere Früchte reagieren. Viele dieser Patienten konsumieren oder haben Cannabis konsumiert, was auf eine mögliche Kreuzreaktion hinweist, die jedoch noch weiterer Klärung bedarf.
Beim Anaphylaxie-Register-Treffen in Berlin wurden 120 Experten zu ihren Beobachtungen befragt. Klinische Reaktionen auf essbare Insekten, Cannabis oder Jackfrucht wurden bislang selten beobachtet, während Gemüseanaphylaxien häufiger vorkamen. Für die Zukunft erwarten die Experten eine Zunahme der Reaktionen auf essbare Insekten und Cannabis, während die Jackfrucht als geringeres Problem eingeschätzt wird.