Dr. Susanne Bublitz widerspricht direkt einer häufigen Grundannahme der Debatte: Deutschland habe sehr wohl bereits ein Primärversorgungssystem – mit der hausarztzentrierten Versorgung (HZV). Bundesweit seien rund 11 Millionen Versicherte eingeschrieben. Damit sei die HZV längst mehr als ein Nischenmodell.
Der eigentliche Konflikt liege aus ihrer Sicht woanders: Politik und Vergütungssystem passten nicht zu den Anforderungen einer funktionierenden Primärversorgung. Während ein verpflichtendes Primärarztsystem diskutiert werde, setze die aktuelle Logik weiterhin auf Einzelleistungen statt auf koordinierte Versorgung.
Besonders deutlich wird Bublitz beim Thema Vergütung. Das derzeitige System belohne vor allem Quantität – nicht Qualität. Für Hausärzte entstehe dadurch ein permanenter Druck, abrechenbare Leistungen zu generieren.
Die Folge: Zeit werde in Untersuchungen gebunden, die medizinisch nicht immer notwendig seien, während gleichzeitig Kapazitäten für wirklich komplexe Patienten fehlten. Die HZV schaffe hier laut Bublitz einen anderen Rahmen: weniger Bürokratie, mehr Steuerung, mehr Fokus auf tatsächlichen Versorgungsbedarf.
Bublitz verweist auf die Evaluation der HZV in Baden-Württemberg gemeinsam mit der AOK. Dort zeigten sich über Jahre hinweg klare Versorgungseffekte – insbesondere bei chronisch kranken Patienten.
Genannt werden unter anderem:
Entscheidend sei dabei der langfristige Blick: Die positiven Effekte nähmen mit der Dauer der Teilnahme am System weiter zu. Genau daran scheitere jedoch häufig die politische und ökonomische Bewertung, die oft nur kurzfristige Kosten betrachte.
Den Begriff „Gatekeeping“ lehnt Bublitz bewusst ab. Hausärztliche Steuerung bedeute aus ihrer Sicht nicht Einschränkung, sondern Orientierung in einem immer komplexeren Versorgungssystem.
Hausärzte lösten den Großteil der Beratungsanlässe selbst und sorgten dafür, dass Patienten mit komplexeren Problemen gezielt beim passenden Facharzt landen. Gerade angesichts knapper Ressourcen könne ein funktionierendes Primärarztsystem unnötige Wege, Doppeluntersuchungen und Fehlsteuerung reduzieren.
Die Sorge vieler Praxen: Würde ein Primärarztsystem den Druck auf Hausärzte weiter erhöhen?
Bublitz argumentiert gegenteilig. Internationale Daten und Analysen wie das IGES-Gutachten zeigten, dass starke hausärztliche Systeme sogar mehr Ärztinnen und Ärzte in die Allgemeinmedizin ziehen könnten.
Hinzu komme ein weiterer Hebel: Delegation. Studien zeigten, dass Praxen durch stärkere Einbindung nichtärztlicher Mitarbeitender deutlich mehr Patienten versorgen könnten – ohne die Versorgungsqualität zu gefährden.
Für Bublitz ist klar: Ohne eine grundlegend andere Vergütungssystematik wird ein funktionierendes Primärarztsystem nicht gelingen.
Steuerung, Koordination und langfristige Versorgung ließen sich nicht sinnvoll über Einzelleistungen organisieren. Zusätzlich brauche es bundesweit funktionierende Hausarzt-Facharzt-Verträge, damit Patienten mit dringendem fachärztlichem Bedarf tatsächlich schnell weitergeleitet werden können.
Das Interview zeigt damit nicht nur eine gesundheitspolitische Debatte – sondern eine konkrete Zukunftsfrage für den Praxisalltag: Wie kann Versorgung unter Fachkräftemangel, steigender Multimorbidität und wachsender Bürokratielast überhaupt noch funktionieren?
Dieser Artikel entstand im Rahmen des 132. DGIM-Kongresses. Weitere Highlights vom DGIM 2026 finden Sie in unserer Kongressberichterstattung.