Intensive Blutdrucksenkung: Leiden die Nieren?

Schützt ein Zielwert unter 130/80 mmHg das Herz, ohne die Nieren zu gefährden? Neue Daten geben Orientierung für die Abwägung bei Patienten mit leicht eingeschränkter eGFR.

Das Wichtigste auf einen Blick

Bisherige Studien lieferten zu der Frage, ob eine intensive Blutdrucksenkung negative Auswirkungen auf die Nieren haben könnte, kein einheitliches Bild. Während intensive Strategien kardiovaskuläre Vorteile zeigten, beschrieben einige Analysen auch ein erhöhtes Risiko für renale Endpunkte. Eine aktuelle Sekundäranalyse des China Rural Hypertension Control Project hat deshalb untersucht, ob ein Blutdruckziel von unter 130/80 mmHg bei Patienten mit Hypertonie, aber ohne fortgeschrittene chronische Nierenerkrankung (Stadium ≥ 3), mit mehr Nierenschäden einhergeht und ob sich gleichzeitig kardiovaskuläre Ereignisse reduzieren lassen.

  • Ausgewertet wurden 33.332 Patienten mit Hypertonie und einer Ausgangs-eGFR von mindestens 60 ml/min/1,73 m².
  • Die Intervention zielte auf einen Blutdruck unter 130/80 mmHg ab und wurde in ländlichen Regionen Chinas durch geschulte nichtärztliche Gesundheitsfachkräfte umgesetzt.
  • Kardiovaskuläre Ereignisse traten unter intensiver Blutdruckkontrolle seltener auf als unter üblicher Versorgung.
  • Ein signifikanter Anstieg renaler Endpunkte zeigte sich nicht – auch nicht bei Patienten mit bereits leicht eingeschränkter eGFR.

Die Analyse basiert auf dem China Rural Hypertension Control Project, einer offenen, cluster-randomisierten Studie mit verblindeter Endpunktbewertung. Für die aktuelle Sekundäranalyse berücksichtigten die Autoren 33.332 Patienten mit Hypertonie, deren eGFR zu Studienbeginn bei mindestens 60 ml/min/1,73 m² lag. Patienten mit einer fortgeschrittenen chronischen Nierenerkrankung (eGFR < 60 ml/min/1,73 m²) wurden somit nicht eingeschlossen.

Die Teilnehmer wurden nach ihrer Nierenfunktion in zwei Gruppen eingeteilt:

  • 7.562 Teilnehmer hatten eine eGFR zwischen 60 und 89 ml/min/1,73 m².
  • 25.770 Personen hatten eine eGFR von mindestens 90 ml/min/1,73 m².

Das mittlere Alter lag bei 62,8 Jahren, 61,3 % der Teilnehmer waren Frauen. Die mediane Nachbeobachtungszeit betrug 3,06 Jahre.

In der Interventionsgruppe erfolgte die Blutdruckbehandlung nach einem festen Protokoll mit einem Zielwert von <130/80 mmHg. Geschulte nichtärztliche Gesundheitsfachkräfte stellten Blutdruckmessgeräte für zu Hause bereit, boten regelmäßige Beratung an und erleichterten den Zugang zu Antihypertensiva. In der Kontrollgruppe blieb es bei der üblichen Versorgung ohne protokollbasiertes Hypertoniemanagement.

Deutliche Blutdrucksenkung in der Interventionsgruppe

Nach 36 Monaten war der Blutdruck in der Interventionsgruppe deutlich niedriger als unter üblicher Versorgung:

  • Bei Patienten mit einer eGFR zwischen 60 und 89 ml/min/1,73 m² sank der mittlere Blutdruck von 160,1/86,9 auf 126,4/72,3 mmHg. In der Kontrollgruppe fiel er von 158,1/85,8 auf 149,5/81,4 mmHg.
  • Ein ähnliches Bild zeigte sich bei Teilnehmern mit einer eGFR von mindestens 90 ml/min/1,73 m². Auch hier erreichte die Interventionsgruppe nach drei Jahren Werte um 126/73 mmHg, während die Werte in der üblichen Versorgung deutlich höher blieben.

Weniger kardiovaskuläre Ereignisse

Der kardiovaskuläre Nutzen war in beiden eGFR-Gruppen erkennbar:

  • Bei Patienten mit einer eGFR zwischen 60 und 89 ml/min/1,73 m² trat der kombinierte kardiovaskuläre Endpunkt bei 210 Teilnehmern der Interventionsgruppe und bei 346 Teilnehmern der Kontrollgruppe auf. Dazu zählten kardiovaskulärer Tod, Schlaganfall, Myokardinfarkt und stationär behandelte Herzinsuffizienz. Die adjustierte Hazard Ratio lag bei 0,59.
  • Auch bei Patienten mit einer eGFR von mindestens 90 ml/min/1,73 m² war die intensive Blutdruckkontrolle mit weniger kardiovaskulären Ereignissen verbunden. Die adjustierte Hazard Ratio lag hier bei 0,67. 

Der Nutzen zeigte sich nicht nur im kombinierten Endpunkt, sondern – je nach eGFR-Gruppe – auch bei einzelnen kardiovaskulären Endpunkten wie Schlaganfall, Herzinsuffizienz, Myokardinfarkt oder kardiovaskulärem Tod.

Kein signifikanter Anstieg renaler Endpunkte

Für die Nieren zeigte sich kein statistisch signifikanter Nachteil der intensiven Blutdrucksenkung. Der primäre renale Endpunkt war definiert als eGFR-Abfall um mindestens 30 % auf einen Wert unter 60 ml/min/1,73 m².

  • In der Gruppe mit einer Ausgangs-eGFR von 60 bis 89 ml/min/1,73 m² erreichten 121 Patienten in der Interventionsgruppe und 101 Patienten in der Kontrollgruppe diesen Endpunkt. Der Unterschied war statistisch nicht signifikant.
  • Auch bei Teilnehmern mit einer Ausgangs-eGFR von mindestens 90 ml/min/1,73 m² war das Risiko für einen solchen Nierenfunktionsverlust nicht signifikant erhöht.

Dies galt auch dann, wenn strengere Definitionen mit einem eGFR-Abfall um mindestens 40 % oder 50 % zugrunde gelegt wurden.

Hypokaliämie und Hypotonie im Blick behalten

Bei den Sicherheitsendpunkten fiel auf, dass Hypotonien unter intensiver Behandlung häufiger auftraten. In der Gruppe mit niedrigerer Ausgangs-eGFR traten Hypokaliämien mit Serumkaliumwerten unter 3,0 mmol/l zudem häufiger auf. Andere unerwünschte Ereignisse nahmen nicht signifikant zu.

Fazit

Die Analyse spricht dafür, dass ein Zielwert unter 130/80 mmHg bei Patienten mit Hypertonie ohne chronische Nierenerkrankung kardiovaskulär vorteilhaft sein kann, ohne dass sich in dieser Studie ein signifikant erhöhtes Risiko für klinisch relevante Nierenschäden zeigte. Das ist besonders relevant für Patienten mit leicht eingeschränkter Nierenfunktion, bei denen Ärzte oft zwischen kardiovaskulärem Nutzen und möglichen renalen Risiken abwägen müssen.

Quelle
  1. Sun G, Miao W, Liu S, et al. Intensive Systolic Blood Pressure Reduction and Kidney and Cardiovascular Outcomes: A Secondary Analysis of a Randomized Clinical Trial. JAMA Netw Open. 2025;8(7):e2519604. doi:10.1001/jamanetworkopen.2025.19604.