Die medizinische Qualität unterscheidet sich nach Einschätzung von PD Dr. Ole-Alexander Breithardt zunächst kaum zwischen privatärztlicher und klassischer KV-Praxis. Diagnostik, Leitlinienorientierung und Geräteausstattung seien weitgehend identisch. Der eigentliche Unterschied liege an anderer Stelle: im Praxismanagement.
Entscheidend seien verfügbare Termine und vor allem die Zeit pro Patient. Genau hier entstehe im Alltag ein spürbarer Unterschied – sowohl für die Arzt-Patienten-Kommunikation als auch für die Qualität der Betreuung.
Besonders deutlich werden die Unterschiede laut Breithardt beim Zugang zu weiterführender Diagnostik. Gerade in der Kardiologie seien CT-Untersuchungen zur frühen KHK-Diagnostik oder kardiale MRTs häufig leichter verfügbar als im regulären Versorgungssystem.
Für privatärztlich geführte Praxen könne das ein relevanter Vorteil sein: schnellere Diagnostik, frühere Abklärung und mehr Spielraum für individualisierte Entscheidungen. Gleichzeitig zeigt das Interview aber auch, wie stark Versorgungsrealität und Zugangswege die tägliche Arbeit inzwischen beeinflussen.
Weniger Zeitdruck verändert nach Einschätzung von Breithardt nicht nur die Atmosphäre im Gespräch, sondern auch die Therapietreue. Gerade bei Statinen oder antihypertensiver Therapie spiele der Umgang mit vermuteten Nebenwirkungen eine zentrale Rolle.
Viele Therapieabbrüche seien durch Nocebo-Effekte geprägt. Wer mehr Zeit für Aufklärung und Einordnung habe, könne diese Unsicherheiten gezielter adressieren. Breithardt verweist dabei auch auf Studien, die einen Zusammenhang zwischen Beratungsintensität und besserer Adhärenz zeigen.
Ein Schwerpunkt des Interviews liegt auf der wirtschaftlichen Realität privatärztlicher Niederlassung. Breithardt warnt davor, attraktive Metropolregionen automatisch als beste Option zu betrachten. Entscheidend seien Konkurrenzsituation, regionale Versorgungslücken und bestehende Netzwerke.
Auch wirtschaftlich brauche eine Privatpraxis oft einen langen Vorlauf. Patienten kämen nicht automatisch. Wer gründen wolle, müsse Nebentätigkeiten einkalkulieren und idealerweise bereits regional bekannt sein – etwa durch klinische Tätigkeit oder bestehende Kooperationen.
Das Interview zeigt die privatärztliche Kardiologie nicht als Gegenmodell zur KV-Praxis, sondern als Struktur mit eigenen Chancen und Grenzen. Mehr Zeit und schnellere Diagnostik können Versorgung verbessern. Gleichzeitig bleiben Fragen nach Zugänglichkeit, Wirtschaftlichkeit und langfristiger Positionierung zentral.
Für Kardiologen, die über Niederlassung, Praxisstrategie oder neue Versorgungsmodelle nachdenken, liefert das Gespräch konkrete Einblicke in einen Bereich, der aktuell spürbar an Bedeutung gewinnt.
Dieser Artikel entstand im Rahmen der 92. DGK-Jahrestagung. Weitere Highlights finden Sie in unserer Kongressberichterstattung.