Lässt mit sinkender Nierenfunktion auch die kognitive Leistung nach?

Eine aktuelle Kohortenstudie hat untersucht, ob sich der Schweregrad der Nierenerkrankung auch in der späteren kognitiven Entwicklung widerspiegelt und welche renalen Messgrößen dafür geeignet sind.

Das Wichtigste auf einen Blick zur chronischen Nierenkrankheit und Kognition:

  • Ein höherer UPCR war besonders mit späteren Einbußen bei Aufmerksamkeit, Verarbeitungsgeschwindigkeit und exekutiven Funktionen verknüpft.
  • Ein erhöhtes Risiko für Einschränkungen der globalen Kognition zeigte sich vor allem bei Patienten mit reduzierter eGFR und gleichzeitig erhöhtem UPCR.
  • Die Autoren werten den UPCR als den robusteren der beiden Nierenwerte; für die Risikoeinschätzung könnten aber beide Messgrößen relevant sein. 

In die Studie gingen 5.607 Erwachsene mit chronischer Nierenkrankheit ein, das Durchschnittsalter lag bei 59,6 Jahren. Erfasst wurde nicht nur die allgemeine kognitive Entwicklung, sondern auch einzelne Teilbereiche: verbale Gedächtnisleistungen, also das Merken und spätere Wiedererkennen von Wörtern, Aufmerksamkeit und Verarbeitungsgeschwindigkeit sowie exekutive Funktionen wie Planen und flexibles Denken. Als renale Ausgangswerte wurden zu Studienbeginn die eGFR und der UPCR bestimmt. Die eGFR wurde in vier Klassen eingeteilt (≥ 60, 45–59, 30–44 und < 30 mL/min/1,73 m²), der UPCR in drei Gruppen (< 150, 150–500 und > 500 mg/g). Die kognitive Entwicklung wurde mit vier etablierten Tests jährlich oder zweijährlich erfasst; die mediane Nachbeobachtungszeit lag je nach Test zwischen vier und sechs Jahren.

Proteinurie als bedeutender Marker für kognitive Einbußen

Bei der Auswertung war vor allem der UPCR mit späteren kognitiven Einschränkungen verknüpft:

  • Ein höherer UPCR ging in den voll adjustierten Analysen mit einem um 21 % erhöhten Risiko für Einschränkungen bei Aufmerksamkeit und Verarbeitungsgeschwindigkeit einher.
  • Für eingeschränkte exekutive Funktionen lag der Risikoanstieg bei 16 %.
  • Auch für die globale Kognition ergab sich mit steigendem UPCR ein entsprechender Effekt; bei Proteinurie > 500 mg/g lag das Risiko im Vergleich zur Referenzgruppe um 26 % höher.

Geringere Aussagekraft der eGFR im Vergleich zur Proteinurie

Für die eGFR ergab sich ein etwas anderes Bild. Auch hier zeigte sich zunächst ein Zusammenhang mit späteren Einbußen, vor allem bei Aufmerksamkeit und Verarbeitungsgeschwindigkeit. Pro Abnahme um eine Standardabweichung stieg das Risiko in diesem Bereich um 21 %. Bei einer eGFR unter 30 mL/min/1,73 m² lag sie im Vergleich zur Referenzgruppe mit Werten ab 60 mL/min/1,73 m² um 54 % höher. 

Wurde zusätzlich der UPCR berücksichtigt, schwächte sich dieser Zusammenhang jedoch ab und war nicht mehr signifikant. Genau das ist eine der zentralen Aussagen der Studie: Die Proteinurie war stärker mit späteren kognitiven Einschränkungen verbunden als die eGFR allein.

Niedrige eGFR plus hohe Proteinurie: hohes Risiko für globale kognitive Einschränkungen

Interessant war auch die gemeinsame Betrachtung von eGFR und Urin-Protein-Kreatinin-Quotient; hier ergab sich noch einmal ein etwas anderes Bild:

  • Das höchste Risiko für globale kognitive Einschränkungen fand sich bei Patienten in den ungünstigsten Stadien beider Nierenwerte. In der voll adjustierten Analyse war das Risiko in dieser Gruppe um 38 % erhöht.
  • Auch beim verbalen Gedächtnis zeigte sich in dieser Gruppe ein um 54 % erhöhtes Risiko.
  • Für Aufmerksamkeit und Verarbeitungsgeschwindigkeit sowie für exekutive Funktionen zeigte die gemeinsame Auswertung dagegen keinen zusätzlichen Zusammenhang. 

Nach Einschätzung der Autoren ergänzen sich eGFR und UPCR damit eher, als dass sie denselben Zusammenhang doppelt abbilden.

Wie könnte dieser Zusammenhang zustande kommen?

Die Autoren diskutieren einige mögliche Erklärungsansätze für die beobachteten Zusammenhänge. So können die Gefäße der Niere und des Gehirns durch dieselben Risikofaktoren, etwa durch Hypertonie und Diabetes, geschädigt werden. Chronische Nierenkrankheit und kognitive Einbußen könnten somit zum Teil auf gemeinsamen mikrovaskulären Schäden beruhen. Zudem verweisen die Autoren darauf, dass Proteinurie eng mit der endothelialen Gefäßfunktion verknüpft ist und deshalb kleine Gefäßschäden im Gehirn möglicherweise besser widerspiegeln könnte als die eGFR.  Auch dass CKD eine Hypertonie verstärken kann, wird als möglicher Beitrag zu dem erhöhten Risiko kognitiver Einschränkungen genannt.

Neben Gefäßveränderungen nennen die Autoren weitere mögliche, durch die Nierenfunktionsstörung bedingte Mechanismen. Dazu zählen urämische Toxine, die Anreicherung von Metaboliten (z. B. Kynurenin), chronische Entzündung, oxidativer Stress, Schlafstörungen, Anämie sowie Störungen des Knochen- und Mineralstoffwechsels. Auch sie könnten dazu beitragen, dass mit zunehmender Schwere der Nierenerkrankung kognitive Einbußen häufiger werden.

Fazit

Die Studie spricht dafür, dass mit zunehmender Schwere der chronischen Nierenkrankheit auch das Risiko für spätere kognitive Einschränkungen steigen könnte. Für die ärztliche Praxis lässt sich daraus ableiten: Bei Patienten mit chronischer Nierenkrankheit kann eine ausgeprägte Proteinurie – allein oder in Kombination mit niedriger eGFR – ein Hinweis darauf sein, die kognitive Entwicklung besonders gut im Blick zu behalten.

Quelle:
  1. Huang Z, Yaffe K, Li C, et al. Chronic Kidney Disease Severity and Risk of Cognitive Impairment. JAMA Netw Open. 2026;9(2):e2559834. doi:10.1001/jamanetworkopen.2025.59834