Antikonvulsiva in der Schwangerschaft: Wie sicher sind sie für die kindliche Entwicklung?
Eine große US-Studie untersucht, welche Antikonvulsiva in der Schwangerschaft mit späteren Entwicklungsstörungen beim Kind verbunden sein könnten und welche weniger problematisch scheinen.
Das Wichtigste auf einen Blick zu Antikonvulsiva in der Schwangerschaft
- Für Valproat bestätigte sich das bekannte Risikoprofil: Kinder mit pränataler Exposition hatten häufiger Entwicklungsstörungen als Kinder von nicht exponierten Müttern.
- Bei Zonisamid zeigte sich ein möglicherweise erhöhtes Risiko für kindliche Entwicklungsstörungen. Die Datenbasis war jedoch klein, sodass die Ergebnisse zurückhaltend interpretiert werden müssen.
- Bei Carbamazepin und Oxcarbazepin fielen moderate Assoziationen mit ADHS und Verhaltensstörungen auf. Auch diese Befunde sollten in weiteren Studien überprüft werden.
- Für Levetiracetam und Phenytoin fand sich in dieser Analyse kein Hinweis auf ein erhöhtes Risiko für kindliche Entwicklungsstörungen.
Das Studienteam nutzte zwei große US-Versichertendatenbanken mit Daten aus den Jahren 2000 bis 2021. In die Hauptanalyse gingen Schwangere mit dokumentierter Epilepsie und ihre Kinder ein. Als exponiert galten Kinder, deren Mütter in der zweiten Schwangerschaftshälfte mindestens eine Verordnung für das jeweilige Antikonvulsivum eingelöst hatten. Dieser Zeitraum wurde gewählt, weil sich in dieser Phase wichtige neuronale Verbindungen im fetalen Gehirn ausbilden. Die Referenzgruppe bestand aus Schwangeren mit Epilepsie, bei denen ab drei Monaten vor Schwangerschaftsbeginn bis zur Geburt keine entsprechende Verordnung dokumentiert war.
Untersucht wurden zehn Wirkstoffe: Carbamazepin, Lacosamid, Lamotrigin, Levetiracetam, Oxcarbazepin, Phenobarbital, Phenytoin, Topiramat, Valproat und Zonisamid. Als Endpunkte wurden Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), Autismus-Spektrum-Störung, Verhaltensstörungen, Entwicklungskoordinationsstörung, intellektuelle Beeinträchtigung, Lernschwierigkeiten, Sprach- oder Sprechstörungen sowie neurologische Entwicklungsstörungen insgesamt definiert.
Unterschiedliche Sicherheitsprofile je nach Wirkstoff
Insgesamt umfasste die Referenzgruppe 8887 nicht exponierte Kinder. 14.993 Schwangerschaften galten in der zweiten Schwangerschaftshälfte als exponiert gegenüber mindestens einem Antikonvulsivum. Am häufigsten wurden Levetiracetam und Lamotrigin erfasst. Die mittlere Nachbeobachtungszeit der Kinder lag bei 3,4 Jahren.
Valproat mit bekannten Risiken assoziiert
Für Valproat bestätigte sich das bekannte Risikoprofil. Kinder mit pränataler Exposition hatten häufiger Entwicklungsstörungen. Dies galt sowohl für Entwicklungsstörungen insgesamt (adjustierte Hazard Ratio 1,29) als auch für alle untersuchten Einzeldiagnosen.
Möglicherweise höheres Risiko für Entwicklungsstörungen unter Zonisamid
Vorsicht könnte auch bei Zonisamid angezeigt sein. Hier lag die adjustierte Hazard Ratio für Entwicklungsstörungen insgesamt bei 1,41. Auch bei mehreren Einzeldiagnosen zeigten sich erhöhte Werte. Diese Befunde sind jedoch zurückhaltend zu interpretieren, da die Zahl der exponierten Schwangerschaften gering war (n=446).
Mehr ADHS und Verhaltensstörungen unter Carbamazepin und Oxcarbazepin?
Auffällig waren zudem die Ergebnisse unter Carbamazepin und Oxcarbazepin. Beide Wirkstoffe waren moderat mit ADHS und Verhaltensstörungen assoziiert. Die Hazard Ratios lagen hier etwa zwischen 1,23 und 1,40. Das ist klinisch relevant, da Oxcarbazepin (wie auch Lamotrigin und Levetiracetam) in Leitlinien wegen seines vergleichsweise günstigen Fehlbildungsprofils empfohlen wird.
Weitere Antikonvulsiva
Weniger problematisch oder aussagekräftig waren die Ergebnisse zu den anderen Antikonvulsiva: Für Levetiracetam und Phenytoin zeigte sich kein erhöhtes Risiko für die untersuchten Entwicklungsstörungen. Auch für Lamotrigin und Topiramat ergab sich über die meisten Endpunkte hinweg keine deutliche Risikozunahme. Eine mögliche Ausnahme war die intellektuelle Beeinträchtigung. Hier fanden sich erhöhte Werte für Lamotrigin und Topiramat. Bei Topiramat kam ein möglicher Hinweis auf Lernschwierigkeiten hinzu. Die Aussagekraft bleibt aber begrenzt, weil die Befunde auf wenigen Fällen beziehungsweise breiten Konfidenzintervallen beruhen.
Für Phenobarbital und Lacosamid waren die Daten zu einzelnen Entwicklungsstörungen zu spärlich, um daraus belastbare Aussagen abzuleiten. Ein konsistentes Risikomuster zeigte sich für diese beiden Wirkstoffe nicht.
Fazit
Die Studie stützt die bestehende Vorsicht gegenüber Valproat in der Schwangerschaft und spricht dafür, Zonisamid weiter zu untersuchen. Auch die beobachteten Assoziationen von Carbamazepin und Oxcarbazepin mit ADHS und Verhaltensstörungen sollten weiter beobachtet werden. Für die klinische Einordnung bleibt wichtig: Es handelt sich um Beobachtungsdaten aus Versichertendatenbanken. Dass hier eine Verordnung vorliegt, bestätigt nicht sicher die tatsächliche Einnahme des Medikaments. Zudem bilden die erhobenen Daten weder die Qualität der Anfallskontrolle noch die Epilepsieform oder Erkrankungsschwere vollständig ab. Diese Faktoren könnten die beobachteten Zusammenhänge mit kindlichen Entwicklungsstörungen mitbeeinflusst haben.
- Straub L, Hernandez-Diaz S, Bateman BT, Zhu Y, Mogun H, Wisner KL, et al. Prenatal antiseizure drug exposure and risk of neurodevelopmental disorders in children: population based cohort study. BMJ. 2026;392:e085725. https://doi.org/10.1136/bmj-2025-085725 (letzter Zugriff: 21.09.2026).