Chronische Rückenschmerzen: Cannabis-Therapie überzeugt in Großstudie

Wo Opioide versagen und NSAR an ihre Grenzen stoßen, könnte Cannabis die Lösung sein: Eine Phase-3-Studie zeigt beeindruckende Ergebnisse bei chronischen Rückenschmerzen.

Das Wichtigste auf einen Blick

Die medikamentösen Therapieoptionen bei chronischen Rückenschmerzen sind begrenzt: Nichtsteroidale Antirheumatika eignen sich wegen gastrointestinaler und kardiovaskulärer Risiken kaum für die Langzeittherapie, Opioide gelten aufgrund von Nebenwirkungen und Abhängigkeitsrisiken als problematisch. Entsprechend besteht ein anhaltender Bedarf an Analgetika mit günstigem Sicherheitsprofil. In diesem Kontext werden cannabisbasierte Therapien seit Jahren diskutiert – bislang jedoch auf begrenzter Evidenzbasis. Eine aktuelle Phase-3-Studie mit 820 Probanden liefert hierzu nun belastbare Daten:

  • In einer großen Phase-3-Studie reduzierte ein Cannabisextrakt die Schmerzintensität stärker als Placebo.
  • Mehr als die Hälfte der Patienten erreichte eine klinisch relevante Schmerzreduktion von mindestens 30 %.
  • Besonders deutlich profitierten Patienten mit neuropathischer Schmerzkomponente.
  • Neben dem Schmerz besserten sich auch Schlafqualität und alltagsrelevante körperliche Einschränkungen bei mehr Patienten unter Cannabis als unter Placebo.
  • Es fanden sich keine Hinweise auf Abhängigkeit, Missbrauch oder Entzugssymptome.

Messbare Schmerzlinderung im Vergleich zu Placebo

Zum Einsatz kam VER-01 (Entwicklungsname DKJ127), ein oral einzunehmendes Cannabisextrakt in Tropfenform mit individuell angepasster Dosierung. In der 12-wöchigen placebokontrollierten Behandlungsphase sank die Schmerzintensität unter dem Cannabis-Präparat mehr als unter Placebo. Der Unterschied war statistisch signifikant und zeigte sich konsistent über den gesamten Behandlungszeitraum.

Für die klinische Einordnung ist vor allem das Ausmaß der erzielten Schmerzreduktion relevant: 54 % der Patienten unter Cannabisextrakt erreichten eine Reduktion der Schmerzintensität um mindestens 30 %, verglichen mit 39,5 % unter Placebo. Auch ausgeprägtere Effekte traten häufiger auf – etwa eine Halbierung der Schmerzintensität (32,2 % vs. 22,8 %) oder eine Schmerzabnahme um mindestens 2 Punkte (46,9 % vs. 35,6 %).

Klare Vorteile bei neuropathischen Schmerzen

Rund 22 % der Studienteilnehmer wiesen eine neuropathische Schmerzkomponente auf. In dieser Subgruppe fiel der Unterschied zugunsten von Cannabis besonders deutlich aus: Die Schmerzintensität nahm um 1,5 Punkte stärker ab als unter Placebo (p < 0,001).

Auch neuropathische Symptomdimensionen besserten sich signifikant. Im Neuropathic Pain Symptom Inventory (NPSI) sank der Gesamtscore um 14,4 Punkte im Vergleich zu 7,2 Punkten unter Placebo (p = 0,017). Verbesserungen zeigten sich insbesondere bei spontanen und provozierten Schmerzen sowie bei Missempfindungen.

Schlaf und Alltag profitieren

Bei chronischen Rückenschmerzen sind häufig auch Schlafqualität und körperliche Funktionsfähigkeit beeinträchtigt. Auch auf diese klinisch relevanten Aspekte scheint sich die cannabisbasierte Therapie positiv auszuwirken: So berichteten unter dem Cannabisextrakt mehr Patienten über eine mindestens 30%ige Verbesserung ihrer alltagsbezogenen körperlichen Belastbarkeit als unter Placebo (51,7 % vs. 42,2 %). Zudem benötigten Patienten unter VER-01 signifikant weniger zusätzliche Bedarfsanalgetika.

Anhaltender Effekt bei längerer Anwendung

In der offenen Verlängerungsphase nahm die Schmerzintensität weiter ab. Der Anteil der Patienten mit mindestens 30 % Schmerzreduktion stieg auf 73,9 %, während 51,8 % sogar eine Reduktion von mindestens 50 % erreichten. Hinweise auf einen Wirkverlust oder eine notwendige Dosiserhöhung ergaben sich nicht.

Beim Absetzen im späteren Studienverlauf stieg die Schmerzintensität unter Placebo schneller und stärker an als unter fortgesetzter Behandlung. Zwar unterschied sich die Zeit bis zum Therapieversagen formal nicht signifikant zwischen den Gruppen (Hazard Ratio 0,75; p = 0,288), nach dem Absetzen nahm der Schmerz unter Placebo jedoch signifikant stärker zu als unter dem Cannabisextrakt. Dieser Verlauf spricht für einen anhaltenden Behandlungseffekt.

Verträglichkeit und Sicherheit

Gerade bei einer langfristigen Schmerztherapie stellt sich zwangsläufig die Frage nach Verträglichkeit und Abhängigkeitspotenzial. Unerwünschte Ereignisse waren unter dem Cannabisextrakt häufiger als unter Placebo (83,3 % vs. 67,3 %), überwiegend jedoch mild bis moderat (94 %) und traten vor allem zu Beginn der Behandlung auf. Am häufigsten berichtet wurden Schwindel, Übelkeit, Müdigkeit und Mundtrockenheit. Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse waren selten und zwischen den Gruppen vergleichbar häufig (6,2 % vs. 6,8 %).

Wichtig für die Einordnung: In der Studie fanden sich keine Hinweise auf Missbrauch, Abhängigkeit oder Entzugssymptome – auch nicht nach abruptem Absetzen.

Fazit

Die Phase-3-Studie zeigt, dass das Cannabisextrakt VER-01 bei chronischen Rückenschmerzen mit einer klinisch relevanten Schmerzreduktion sowie Verbesserungen von Schlaf und alltagsrelevanter Funktion einhergeht. Besonders Patienten mit neuropathischer Schmerzkomponente scheinen zu profitieren. Bei insgesamt guter Verträglichkeit und ohne Hinweise auf Abhängigkeit stellt Cannabis eine potenziell interessante Option im therapeutischen Spektrum chronischer Rückenschmerzen dar.

Quelle:
  1. Karst M, Meissner W, Sator S, Keßler J, Schoder V, Häuser W. Full-spectrum extract from Cannabis sativa DKJ127 for chronic low back pain: a phase 3 randomized placebo-controlled trial. Nat Med. 2025 Dec;31(12):4189-4196. doi: 10.1038/s41591-025-03977-0. Epub 2025 Sep 29. PMID: 41023483; PMCID: PMC12705446.