- Yang N. et al. (2025). I tweet, therefore I am: a systematic review on social media use and disorders of the social brain. BMC Psychiatry. 2025 Feb 3;25(1):95.
Soziale Medien sind zu einer alltäglichen Form sozialer Interaktion geworden. Die Interaktion in virtuellen Räumen geht jedoch mit einer Entkoppelung von zeitlichen, räumlichen sowie inter- und intrakorporalen Signalen einher. Diese sind für die Realitätsprüfung von großer Bedeutung. Eine Forschungsgruppe aus Kanada befasste sich bereits Anfang 2025 mit der Frage, welche Auswirkungen diese jüngsten Veränderungen auf soziokognitive Ausprägungen und haben könnten, und analysierte diese in einem systematischen Review.1
Die Forschungsgruppe beobachtete: Vor allem Personen mit Störungen, die durch Veränderungen des grundlegenden Selbst gekennzeichnet sind (narzisstische Persönlichkeitsstörung, Körperdysmorphie und ), sowie Personen mit psychotischen Phänotypen weisen eine verstärkte Nutzung sozialer Medien auf. Die „Verstärkung von Wahnvorstellungen durch soziale Medien” stellt in dieser Studie ein neues konzeptionelles Modell dar. Aus „Cogito ergo sum“ (Ich denke, also bin ich) wurde „I tweet, therefore I am“ (Ich tweete, also bin ich).1
Bei der „Verstärkung von Wahnvorstellungen durch soziale Medien” handelt es sich um eine Reihe von Störungen und Symptomen, bei denen es vor allem um Formen mentalistischer Wahnvorstellungen geht. Diese Störungen sind durch eine veränderte Selbstwahrnehmung und die Aufrechterhaltung verzerrter Selbstdarstellungen gekennzeichnet. Durch die kommt es zu einer Verstärkung dieser Symptomatik.1
Die Forschungsgruppe kam zu dem Schluss, dass insbesondere ein unterentwickeltes und inkohärentes Selbstbewusstsein in Verbindung mit sozialer Isolation im „realen Leben” dazu führen, dass soziale Medien genutzt werden, um ein mehr oder weniger wahnhaftes Selbstbewusstsein zu erzeugen und auch aufrechtzuerhalten. Die Isolation im „realen Leben” kann die Identitätsbildung hemmen und virtuelle soziale Interaktionen begünstigen.1
Die Wahnvorstellungen können oder somatischer Natur sein. Wahnvorstellungen mentaler Natur können bei Narzissmus und Erotomanie vorkommen. Bei körperdysmorpher Störung und bestimmten Essstörungen können Wahnvorstellungen somatischer Natur ans Licht treten. Dies lässt sich dadurch erklären, dass die virtuelle Natur sozialer Medien dysfunktionale Kognitionen begünstigt, die im realen Leben eher korrigiert würden. Der virtuelle Raum bietet ein stark mentalisiertes Umfeld, in dem verzerrte Selbstbilder aufrechterhalten und intensiviert werden können.1