Fatigue gehört zu den am häufigsten berichteten und zugleich am meisten unterschätzten Langzeitfolgen einer . Die chronische Erschöpfung kann die Lebensqualität der Patienten über Jahre hinweg erheblich beeinträchtigen und stellt eine komplexe, multifaktorielle Symptomatik dar. Die umfangreiche CAESAR-Studie (CAncEr Survivorship - A multi-Regional Study; doi: ) mit 6.057 Teilnehmern liefert nun neue Erkenntnisse zu Prävalenz, Einflussfaktoren und prognostischer Bedeutung von Fatigue bei Langzeitüberlebenden nach -, - oder .
Die Studie untersuchte erstmals differenziert verschiedene Dimensionen von Fatigue - affektiv, kognitiv und physisch - sowie deren Zusammenhang mit der Mortalität bei Patienten, die ihre Krebsdiagnose bereits 5-16 Jahre überlebt haben.
Die Fatigue-Symptome wurden mittels des Fatigue Assessment Questionnaire (FAQ) erfasst, der affektive, kognitive und physische Fatigue sowie differenziert. Als Vergleichsgruppe dienten 1.953 Personen ohne Krebsdiagnose. Die Mortalität wurde über einen Zeitraum von bis zu 13 Jahren (bis Ende 2021) erfasst.
Die Studienergebnisse zeigen deutlich: Fatigue ist bei Langzeitüberlebenden nach Krebs ein häufiges Problem. Etwa ein Drittel der untersuchten Patienten (34-39%) berichtete über affektive, kognitive oder physische Fatigue. Verglichen mit der krebsfreien Kontrollgruppe waren die mittleren Fatigue-Werte bei den Überlebenden in allen Subskalen signifikant höher. Besonders ausgeprägt waren die Unterschiede bei jüngeren Patienten (unter 70 Jahre), Patienten mit niedrigerem Bildungsniveau, Brustkrebspatientinnen, männlichen Darmkrebspatienten sowie Patienten mit aktiver Erkrankung (Rezidiv, oder Zweitmalignom). 63% der Krebsüberlebenden gaben zudem an, unter Schlafprobleme zu leiden.
Einflussfaktoren auf Fatigue-Symptome
Die Studie identifiziert verschiedene Faktoren, die mit einem erhöhten Risiko für Fatigue assoziiert sind:
Demografische Faktoren
- Jüngeres Alter (unter 60 Jahre) erhöhte das Risiko für affektive und kognitive Fatigue
- Höheres Alter (über 80 Jahre) war mit mehr physischer Fatigue verbunden
- Frauen litten häufiger unter allen Fatigue-Formen
- Höhere Bildung reduzierte das Fatigue-Risiko um 16-46%
- Fehlende Partnerschaft erhöhte das Risiko für alle Fatigue-Symptome
Klinische Faktoren
- in der Vorgeschichte war mit kognitiver Fatigue assoziiert
- Radiotherapie und Hormontherapie erhöhten das Risiko für Schlafprobleme
- Aktive Erkrankung war mit einem 41-77% höheren Risiko für alle Fatigue-Formen verbunden
Komorbiditäten
- Multimorbidität war ein starker Prädiktor für alle Fatigue-Symptome
- Kardiovaskuläre Erkrankungen, entzündliche und Skeletterkrankungen zeigten unterschiedliche Assoziationen mit verschiedenen Fatigue-Dimensionen
- Depression war besonders stark mit affektiver Fatigue assoziiert (OR: 4,87)
Lebensstilfaktoren
- (BMI ≥30) erhöhte das Risiko für physische Fatigue um 85%
- Rauchen war mit allen Fatigue-Dimensionen assoziiert
- Unzureichende körperliche Aktivität erhöhte das Risiko für alle Fatigue-Symptome
Psychologische Faktoren
- Depressive Symptomatik zeigte die stärkste Assoziation mit Fatigue (OR für Gesamt-Fatigue: 14,68)
- Angst vor Krankheitsprogression war ebenfalls stark mit Fatigue verbunden (OR für Gesamt-Fatigue: 9,20)
Fatigue und Mortalitätsrisiko
Ein besonders relevantes Ergebnis der Studie ist der Zusammenhang zwischen Fatigue und erhöhter Mortalität. Insbesondere physische und affektive Fatigue blieben auch nach Anpassung an Komorbiditäten und depressive Symptome unabhängige Risikofaktoren für die Gesamtmortalität.
In der kurzfristigen Nachbeobachtung (bis 5 Jahre) zeigte sich vor allem ein erhöhtes Mortalitätsrisiko für physische Fatigue (HR: 2,40). In der langfristigen Nachbeobachtung zeigte sich die Assoziation zwischen Fatigue und Mortalität schwächer als im kürzeren Zeitraum
Diese Ergebnisse blieben auch nach Ausschluss von Patienten mit aktiver Erkrankung bestehen, was auf einen unabhängigen Effekt der Fatigue auf die Mortalität hindeutet.
Klinische Implikationen für die ärztliche Praxis
Die Ergebnisse der CAESAR-Studie unterstreichen die Notwendigkeit, Fatigue bei Krebspatienten als klinisch relevantes Problem zu erkennen und aktiv anzugehen. Die detaillierte Analyse der assoziierten Faktoren ermöglicht es, Risikogruppen frühzeitig zu identifizieren. Ein umfassender Therapieansatz, der neben den rein medizinischen Aspekten auch psychologische, lifestyle-bezogene und komorbiditätsbedingte Faktoren berücksichtigt, könnte die Belastung durch Fatigue senken und somit potenziell das Überleben der Patienten verbessern.
Das Screening sollte alle Dimensionen (affektiv, kognitiv, physisch) umfassen. Besondere Aufmerksamkeit verdienen Risikopatienten (jüngere Patienten (affektive Fatigue), ältere Patienten (physische ) und Patienten nach Chemotherapie (kognitive Fatigue)). Volle Medikamentenpläne sollten kritisch überprüft werden, da sie zur Symptombelastung beitragen können. Auch Symptome einer Depression und Angst vor einer Progression sollten routinemäßig untersucht werden. Gegebenenfalls sollte dann eine engere Zusammenarbeit mit psychiatrischen bzw. psychologischen Fachkollegen erfolgen.
Körperliche Aktivität kann insbesondere physische und kognitive Fatigue reduzieren. Bei affektiver Fatigue und Schlafproblemen können oder Mind-Body-Verfahren hilfreich sein.
Fatigue ist ein multidimensionales Symptom, das auch Jahre nach der Krebsdiagnose bestehen bleiben kann und mit erhöhter Mortalität assoziiert ist. Durch die Identifikation von Risikofaktoren und gezielte Interventionen lässt sich nicht nur die Lebensqualität verbessern, sondern möglicherweise auch die Prognose positiv beeinflussen.
- Thong, M. S., Doege, D., Koch-Gallenkamp, L., Bertram, H., Eberle, A., Holleczek, B., ... & Arndt, V. (2025). Fatigue in long-term cancer survivors: prevalence, associated factors, and mortality. A prospective population-based study: Epidemiology. British journal of cancer, 1-13. doi: .