Sucralose: Stört der Süßstoff die Immuntherapie bei Krebs?
Neue Daten zeigen: Der weit verbreitete Süßstoff Sucralose kann das Ansprechen auf PD-1-basierte Immuntherapien bei Tumorpatienten beeinträchtigen. Ursache ist möglicherweise eine durch Sucralose ausgelöste Veränderung des Darmmikrobioms.
Das Wichtigste auf einen Blick
Hoher Sucralose-Konsum war bei Tumorpatienten mit schlechteren Therapieergebnissen verbunden.
- In Tiermodellen unterdrückte Sucralose die Wirkung der PD-1-Blockade.
- Sucralose veränderte das , erhöhte den Anteil bestimmter grampositiver Bakterien und ging mit weniger Arginin einher – einer Aminosäure, die T-Zellen für ihre Funktion benötigen.
- Therapeutischer Ansatz neben einer Sucralose-Meidung: Citrullin stellte trotz Sucralose-Konsum die PD-1-Wirksamkeit wieder her; auch eine Mikrobiom-Transplantation war erfolgreich.
Schlechteres Therapieansprechen bei hohem Sucralose-Konsum
Analysiert wurden drei Patientenkohorten, die eine PD-1-basierte Immuntherapie (Programmed cell death protein 1) erhielten – jeweils im Rahmen der Behandlung eines
- fortgeschrittenen Melanoms,
- fortgeschrittenen nicht-kleinzelligen Lungenkarzinoms oder
- resektablen Hochrisiko- (neoadjuvante Therapie mit dem PD-1-Inhibitor Nivolumab).
Die Sucralose-Aufnahme wurde über einen Ernährungsfragebogen erfasst und in „hoch“ (> 0,16 mg/kg/Tag) und „niedrig/kein“ eingeteilt.
- Fortgeschrittenes Melanom und nicht-kleinzelliges Lungenkarzinom: Unter hoher Sucralose-Aufnahme war die Therapie weniger erfolgreich. Beim Melanom zeigte sich ein Trend zu einer niedrigeren objektiven Ansprechrate (ORR, objective response rate) und ein verkürztes progressionsfreies Überleben (PFS, progression-free survival: 8 vs. 13 Monate). Beim waren ORR und PFS (7 vs. 18 Monate) signifikant schlechter.
- Resektables Hochrisiko-Melanom: Diese Kohorte wurde anhand anderer Endpunkte beurteilt. Patienten mit hohem Sucralose-Konsum hatten seltener nur geringe Tumorreste im Resektat und eine kürzere rezidivfreie Zeit (19 vs. 25 Monate).
Die Kohorten unterschieden sich hinsichtlich der Ausgangsdaten nicht relevant, sodass die beobachteten Assoziationen nicht durch demografische oder therapeutische Faktoren erklärt werden können.
Sucralose im Tierexperiment
Zur Klärung möglicher Mechanismen wurden Tierversuche durchgeführt. Mäuse mit transplantierten Tumoren (Melanom und ) erhielten Sucralose über das Trinkwasser in einer der menschlichen Aufnahme entsprechenden Dosierung; parallel wurden sie mit PD-1-Inhibitoren behandelt. Das Ergebnis: Unter Sucralose waren die Mäuse resistent gegenüber der PD-1-Blockade; die Tumoren wuchsen schneller, die Infiltration durch CD8⁺-T-Zellen (eine für die Tumorabwehr wichtige T-Zell-Population) war geringer und das Überleben verkürzt.
Zum Vergleich eingesetzte zeigte keinen derartig negativen Effekt.
Auffällig war, dass Tiere aus verschiedenen Zuchtlaboren unterschiedlich auf Sucralose reagierten. Erst als die Mäuse gemeinsam gehalten wurden – und damit ein vergleichbares Darmmikrobiom entwickelten – verschwanden diese Unterschiede. Das spricht für einen durch das Mikrobiom vermittelten Mechanismus.
Mögliche Einflussfaktoren
Im nächsten Schritt untersuchten die Autoren, wie Sucralose das Darmmikrobiom und die Immunfunktion beeinflusst:
- Der Süßstoff veränderte die Zusammensetzung der Darmflora und war mit einer Zunahme grampositiver Bakterien verbunden.
- Gleichzeitig verringerte sich die Menge des für das Mikrobiom verfügbaren Arginins. Laut Studie hing dies mit einer erhöhten Expression bakterieller Enzyme zusammen, die an Argininabbau-Pathways beteiligt sind.
Arginin ist dabei von besonderer Bedeutung für die regelrechte Funktion von T-Zellen: Sie benötigen diese Aminosäure für ihren ; zudem wird Arginin mit der Aktivität zytotoxischer T-Zellen gegen Tumorzellen in Verbindung gebracht.
Therapeutischer Ansatz
Auf Basis dieser Erkenntnisse ergänzten die Autoren in weiteren Experimenten Sucralose-haltiges Trinkwasser entweder mit Arginin oder mit Citrullin – einer Aminosäure, die der Körper effizient in Arginin umwandeln kann. Beide Substanzen verbesserten die T-Zell-Funktion. Besonders wirksam war dabei die Citrullin-Supplementation: Trotz Sucralose-Konsum wurde das Ansprechen auf die Anti-PD-1-Therapie wiederhergestellt – und ging sogar mit einem Überlebensvorteil einher.
Auch eine fäkale Mikrobiom-Transplantation von Anti-PD-1-Respondermäusen auf Sucralose-konsumierende, therapieresistente Tiere normalisierte die Therapieantwort. Der Effekt war am stärksten, wenn die Empfängertiere zuvor mit dem gegen grampositive Bakterien wirksamen Antibiotikum Vancomycin behandelt worden waren. Dies deutet darauf hin, dass die Entfernung sucraloseassoziierter Bakterien für das erneute Ansprechen auf die PD-1-basierte Immuntherapie wichtig sein könnte.
Fazit
Die Ergebnisse zeigen einen Zusammenhang zwischen hoher Sucraloseaufnahme und einer abgeschwächten Wirksamkeit von PD-1-basierten . Die tierexperimentellen Daten belegen, dass Sucralose das Darmmikrobiom verändert und mit einer reduzierten Argininverfügbarkeit einhergeht, was die T-Zell-Funktion beeinträchtigt. Da es sich bei den klinischen Daten um Beobachtungsbefunde handelt, sind prospektive Studien erforderlich, um diese Zusammenhänge weiter zu klären. Angesichts der weiten Verbreitung kalorienfreier Süßstoffe weist diese Arbeit aber auf einen relevanten ernährungsbezogenen Einflussfaktor hin, der in der onkologischen Praxis berücksichtigt werden sollte.
- Morder KM, Nguyen M, Wilfahrt DN, Dahmani ZL, Burr ABP, Xie B, Morikone M, Nieves-Rosado H, Gunn WG, Hurd DE, Wang H, Mullett SJ, Bossong K, Gelhaus SL, Rajasundaram D, Kane LP, Delgoffe GM, Das J, Davar D, Overacre-Delgoffe AE. Sucralose Consumption Ablates Cancer Immunotherapy Response through Microbiome Disruption. Cancer Discov. 2025 Nov 3;15(11):2278-2297. doi: 10.1158/2159-8290.CD-25-0247. PMID: 40742298; PMCID: PMC12580791.