Die immunologische Wahrheit hinter dem Männerschnupfen

Der "Männerschnupfen" steht für mehr als nur eine Erkältungskrankheit. Aus immunologischer Sicht bestehen wichtige geschlechtsspezifische Unterschiede des Immunsystems.

Lebensstil, Hormone und das Immunsystem

Aus unterschiedlichen medizinischen Statistiken geht hervor, dass Männer im Vergleich zu Frauen deutlich seltener eine Ärztin bzw. einen Arzt aufsuchen. So schrieb das Ärzteblatt am 18.12.2018 "Männer drücken sich häufiger vor Arztbesuchen".1 Doch was liegt dem Phänomen des Männerschnupfens aus immunologischer Sicht eigentlich zugrunde? Gibt es wirklich einen Unterschied der Funktionalität des Immunsystems zwischen den Geschlechtern? Dieser Frage geht eine Forscherin aus Innsbruck auf den Grund. Univ.-Prof. Dr. Beatrix Grubeck-Loebenstein hat die Immunabwehr des männlichen Geschlechts genauestens unter die Lupe genommen, um u.a. das immunologische Mysterium des Männerschnupfens endlich zu klären.2

Die Forschungsergebnisse von Grubeck-Loebenstein treffen genau ins Schwarze. Aufgrund hormonell bedingter Unterschiede könnte das männliche Geschlecht hinsichtlich seiner Immunabwehr benachteiligt sein. Doch eine wichtige Sache ist hierbei zu beachten:  Grubeck-Loebenstein zufolge zeigen sich zwar Tendenzen hierfür, jedoch keine Beweise. Auch gibt es Erkrankungen, bei denen das weibliche Geschlecht gegenüber dem männlichen benachteiligt wird. Neben den hormonellen Unterschieden zwischen den Geschlechtern spielt höchstwahrscheinlich der Lebensstil ebenso eine wichtige Rolle hinsichtlich der Funktionalität des Immunsystems.2,3

Ja, es gibt sie: Geschlechtsspezifische Unterschiede des Immunsystems

Grubeck-Loebenstein ist nicht die einzige Forscherin, die sich mit den geschlechtsspezifischen Unterschieden des Immunsystems auseinandergesetzt hat. Die Forschungsgruppe um Klein hat bereits vor einigen Jahren einen wissenschaftlichen Review-Artikel zu dieser Thematik publiziert. Die erstgenannte Kernaussage des Artikels ist folgende: "Das Geschlecht ist eine biologische Variable, die die Funktionen des Immunsystems beeinflusst." Da haben wir es nun schwarz auf weiß. Es gibt eine immunologische Grundlage für das Phänomen des Männerschnupfens. Eine weitere Kernbotschaft lautet wie folgt:

"Gene des Geschlechtschromosoms und Sexualhormone, darunter Östrogene, Progesteron und Androgene, tragen zur unterschiedlichen Regulierung von Immunreaktionen zwischen den Geschlechtern bei."

 Doch neben diesen hormonellen Faktoren beeinflussen natürlich auch Umweltfaktoren, einschließlich des Ernährungsstatus, der Zusammensetzung des Mikrobioms, die Entwicklung und damit auch die Funktion des Immunsystems. Dies gilt für beide Geschlechter. Auch können sich hormonell bedingte geschlechtsspezifische Unterschiede in der Immunantwort im Laufe des Lebens verändern. So haben ebenso das Alter und der Fortpflanzungsstatus einer Person Einfluss auf die Funktion des Immunsystems. Die geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Immunantwort können sich neben einer Anfälligkeit für grippale Erkrankungen wie dem Männerschnupfen auch in einer unterschiedlich stark ausgeprägten Anfälligkeit für Tumore und Autoimmunkrankheiten äußern.4

Geschlechtsspezifische Unterschiede der Mustererkennungsrezeptoren

Bei Säugetieren konnten geschlechtsspezifische Unterschiede des angeborenen Immunsystems beobachtet werden. Die Androgen-Response-Elemente (AREs) und Östrogen-Response-Elemente (EREs) sind im Bereich der Promotoren diverser Gene der angeborenen Immunität vorhanden. Dies weist darauf hin, dass Sexualsteroide eine direkte dimorphe angeborene Immunreaktionen verursachen können.4,5 Auch die angeborene Erkennung von Nukleinsäuren durch Mustererkennungsrezeptoren (PRRs) unterscheidet sich zwischen dem männlichen und weiblichen Geschlecht. Ein Beispiel hierfür ist der Toll-like-Rezeptor 7 (TLR7). Dieser wird von dem X-Chromosom kodiert. Bei Frauen kann er einer X-Inaktivierung entgehen. Dies führt dazu, dass TLR7 beim weiblichen Geschlecht in höherem Maße als beim männlichen Geschlecht exprimiert wird.4,6

Geschlechtsspezifische Unterschiede der Chemokin- und Zytokinproduktion

Es gibt wesentliche Unterschiede in der Kommunikation zwischen den Geschlechtern – auf immunologischer Ebene. Die Zytokin- und Chemokinproduktion durch Zellen des angeborenen Immunsystems weist geschlechtsspezifische Unterschiede auf. So produzieren z. B. periphere mononukleäre Zellen (PBMCs) eines Menschen männlichen Geschlechts in einer höheren Konzentration Interleukin-10 nach Aktivierung von TLR9 durch virale oder synthetische Liganden. Hier zeigt sich eine positive Korrelation mit der Androgenkonzentration. Ein weiteres Beispiel ist TNF: PBMCs von Menschen männlichen Geschlechts produzieren nach Stimulation durch Lipopolysaccharid (LPS) mehr TNF als PBMCs von Menschen weiblichen Geschlechts. Bei männlichen Immunzellen liegt im Vergleich zu weiblichen Immunzellen eine höhere TLR4-Expression vor. Eine Stimulierung mit LPS führt daher zu einer stärkeren Produktion von proinflammatorischen Zytokinen durch die männliche Immunzellen.4,8-11

Geschlechtsspezifische Unterschiede hinsichtlich der Immunzellen

Bei Menschen männlichen Geschlechts liegt eine höhere Anzahl natürlicher Killerzellen vor. Bei Menschen weiblichen Geschlechts ist die phagozytische Aktivität von Neutrophilen und Makrophagen höher als bei Menschen männlichen Geschlechts. Die antigenpräsentierenden Zellen (APCs) von Frauen arbeiten effizienter als die APCs von Männern. Eine erhöhte Anfälligkeit für die Entwicklung von Multipler Sklerose bei Frauen könnte mit einer weiteren geschlechtsspezifischen Besonderheit zusammenhängen: Frauen haben eine geringere Anzahl an angeborenen lymphatischen Zellen vom Typ 2. Dies kann mit einer erhöhten Anfälligkeit für Demyelinisierung einhergehen. Diese Liste der geschlechtsspezifischen Unterschiede des Immunsystems ist lang. Wir halten an dieser Stelle fest: Es gibt sie, die geschlechtsspezifischen Unterschiede des Immunsystems. Bei einigen Erkrankungen begünstigen sie Frauen und bei anderen wiederum begünstigen sie Männer. Wichtig ist es, erkrankte Menschen ernst zu nehmen, unabhängig von ihrem biologischen Geschlecht. Ihre Symptome dürfen nicht heruntergespielt werden. Auch dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, dass wir alle Individuen sind und als solche nur im Rahmen der personalisierten Medizin am effektivsten behandelt werden können. Jeder Mensch fühlt anders, leidet in einem anderen Maße und nimmt Symptome auf eine andere Weise wahr. Die Faktoren, die die Funktionalität des Immunsystems beeinflussen, gehen über das Geschlecht hinaus und müssen für jedes Individuum neu bewertet werden.4, 8-21

Quellen:
  1. https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/99929/Maenner-druecken-sich-haeufiger-vor-Arztbesuch
  2. https://www.meinegesundheit.at/cdscontent/?contentid=10007.788369
  3. https://www.schwabe.at/maennerschnupfen/
  4. Klein, S., Flanagan, K. Sex differences in immune responses. Nat Rev Immunol 16, 626–638 (2016).
  5. Hannah M. F. (2008). Sex differences in the recognition of and innate antiviral responses to Seoul virus in Norway rats. Brain Behav. Immun. 22, 503–516 (2008).
  6. Fargallo J. A. et al. (2007). Sex and testosterone effects on growth, immunity and melanin coloration of nestling Eurasian kestrels. J. Anim. Ecol. 76, 201–209 (2007).
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  9. Griesbeck, M. et al. Sex differences in plasmacytoid dendritic cell levels of IRF5 drive higher IFN-α production in women. J. Immunol. 195, 5327–5336 (2015). This study provides mechanistic insights into the cellular mechanisms mediating sex differences in antiviral immunity in humans..
  10. Klein, S. L., Jedlicka, A. & Pekosz, A. The Xs and Y of immune responses to viral vaccines. Lancet Infect. Dis. 10, 338–349 (2010). This thorough review provides details about sex differences in immune responses, including transcriptional activation, and adverse reactions to vaccines in humans and animal models.
  11. Hannah, M. F., Bajic, V. B. & Klein, S. L. Sex differences in the recognition of and innate antiviral responses to Seoul virus in Norway rats. Brain Behav. Immun. 22, 503–516 (2008).
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