Intensivmedizinisch häufig beobachtet: Das "Lazarus-Phänomen"

Laut einer Umfrage haben bereits viele Intensivmedizinerinnen und -mediziner bei ihrer Arbeit das "Lazarus-Phänomen" beobachtet, wenn scheinbar Tote plötzlich wieder Lebenszeichen zeigen.

37 bis 50 Prozent der befragten AnästhesistInnen und IntensivmedizinerInnen weltweit haben derartige Phänomene schon erlebt

Ein Patient mit Kreislaufstillstand wird vom Notfallarzt wiederbelebt. Das Herz schlägt nicht mehr, es sind keine Lebenszeichen mehr vorhanden, das EKG zeigt eine Nulllinie oder Kammerflimmern an, die Wiederbelebung ist erfolglos. Nach 20 bis 30 Minuten Reanimation setzt der Notarzt die Wiederbelebung den Richtlinien entsprechend ab. Plötzlich, Minuten später und ohne Zutun von außen, zeigt der Patient wieder ein Lebenszeichen, atmet, hat Puls. Dieses als "Lazarus-Phänomen" bekannte Ereignis haben laut publizierten Umfragen viele IntensivmedizinerInnen schon beobachtet.

Ein internationales Team aus NotfallmedizinInnen des University Hospitals Morecambe Bay Trust (UK), des Universitätsspitals Lausanne (CH), des Bozner Forschungszentrums Eurac Research (I) und der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg (A) hat zum ersten Mal alle in der medizinischen Fachliteratur publizierten Fälle im Bereich der erweiterten Wiederbelebung durch professionelle HelferInnen – 65 seit 1982 – systematisch analysiert. Die Erkenntnisse könnten sich auf die gesamte Notfallmedizin auswirken.

Warum es Minuten nach einer erfolglos beendeten Wiederbelebung zu einer spontanen Rückkehr der Lebensfunktionen kommt, ist bislang unbekannt, doch ist dieses Ereignis keinesfalls selten. Das zeigen weltweite Umfragen, wo 37 bis 50 Prozent der befragten AnästhesistInnen und IntensivmedizinerInnen angeben, derartige Phänomene schon erlebt zu haben. Die vier Forscher Les Gordon, Mathieu Pasquier, Hermann Brugger und Peter Paal finden bei ihrer Durchforstung der gesamten medizinischen Literatur, in der das Phänomen 1982 erstmals beschrieben wird, allein 65 dokumentierte Fälle. "Wir vermuten aufgrund unserer Analysen, dass das Lazarus-Syndrom viel häufiger auftritt als es in der Literatur aufscheint", schlussfolgert Les Gordon, Hauptautor der Studie und britischer Notfallmediziner.

Nach Beenden einer Herz-Lungen-Wiederbelebung sollen PatientInnen noch mindestens zehn Minuten mithilfe eines Elektrokardiagramms beobachet und überwacht werden

Unter "Lazarus-Phänomen" fasst das Forscherteam alle Fälle von NotfallpatientInnen mit Herzkreislaufstillstand zusammen, die nach der Herz-Lungen-Wiederbelebung aufgegeben wurden und dann eine spontane Rückkehr des Kreislaufs hatten. Es bezieht sich nicht auf die Wiederbelebung durch Laien. Von den 65 beschriebenen Fällen hat ein Drittel (22 Personen) den Kreislaufstillstand überlebt, 82 Prozent davon – also 18 PatientInnen – ohne neurologischem Dauerschaden. "Auch wenn es wenige scheinen, sind die Konsequenzen doch beträchtlich, wenn man an das beteiligte medizinische Personal, die Angehörigen, die rechtlichen Konsequenzen und die tägliche Anzahl der Patienten denkt, die Wiederbelebungsmaßnahmen benötigen", unterstreichen die Mitautoren Hermann Brugger, Leiter des Instituts für Alpine Notfallmedizin von Eurac Research, und Peter Paal von der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg. "Die Tatsache, dass die Mehrheit der Überlebenden keine Folgeschäden aufwies, ist von allergrößter Bedeutung", schließt Forscherkollege Mathieu Pasquier.

Aufgrund ihrer Erkenntnisse geben die vier Forscher in ihrer Studie eine Reihe von Empfehlungen, die wichtigste: Nach Beenden einer Herz-Lungen-Wiederbelebung sollen PatientInnen noch mindestens zehn Minuten mithilfe eines Elektrokardiagramms beobachet und überwacht werden. Denn bei den 65 dokumentierten Fällen traten die Lebenszeichen im Durchschnitt nach fünf Minuten auf, die meisten innerhalb von zehn Minuten.

Quelle:
Gordon et al.
Autoresuscitation (Lazarus phenomenon) after termination of cardiopulmonary resuscitation - a scoping review
Scandinavian Journal of Trauma, Resuscitation and Emergency Medicine (2020) 28:14
DOI: https://doi.org/10.1186/s13049-019-0685-4

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